Mittwoch, 23. Mai 2012

Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel anlässlich des 98. Katholikentages


Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des 98. Katholikentages

Fr, 18.05.2012
in Mannheim

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Alois Glück,

sehr geehrter Herr Erzbischof Zollitsch,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kurz,

vor allem liebe Gäste des Katholikentages, die Sie heute hierhergekommen sind, um mit uns über den demografischen Wandel zu sprechen und nachzudenken!

Von dem Arzt und Theologen Albert Schweitzer stammt der Satz – ich zitiere: „Keine Zukunft vermag gut zu machen, was du in der Gegenwart versäumst.“ Ich glaube, das ist etwas, das es auf den Punkt bringt. Man kann es sogar noch verstärken: Was wir heute tun oder lassen, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht.

Natürlich lässt sich Zukunft nicht bis ins Detail am Reißbrett planen und dann eins zu eins umsetzen. Natürlich gibt es immer wieder Risiken. Aber das darf uns nicht davon abbringen, zu wissen: Mit allem, was wir heute tun oder lassen, zeichnen wir die Zukunft ein Stück vor. Deshalb darf, auch wenn es einige Unbestimmtheiten gibt, dies niemals der Grund dafür sein, nichts zu tun. 

Dies sagen Sie auch mit Ihrem Motto des Katholikentages: „Einen neuen Aufbrauch wagen“. Das heißt, sich dessen gewiss zu sein, was wir an Verantwortung haben.

Bei Schicksalsschlägen wie etwa Naturkatastrophen bezweifeln die wenigsten, dass man etwas tun muss, dass man handeln muss. Ganz anders ist das in Prozessen, die sich schleichend vollziehen, die sich über Jahre hinweg erstrecken. Dabei hat man oft auch die Hoffnung, dass die Dringlichkeit zu handeln nicht allzu groß sein könnte. Das gilt auch für den demografischen Wandel.

Der Begriff „demografischer Wandel“ mutet recht technokratisch an. Aber er betrifft auch jeden von uns, die wir hier in diesem Saal versammelt sind. Es ist ein schleichender Wandel, der aber alle Lebensbereiche durchdringt: von der Familie über die Arbeitswelt bis hin zum Leben im Alter. Der demografische Wandel kommt nicht über Nacht, aber er kommt mit aller Macht – unaufhaltbar, aber schrittweise und absehbar. Darin liegt ja auch die Chance, von der Alois Glück eben sprach. Wir können uns rechtzeitig auf Veränderungen einstellen. Wir können einen neuen Aufbruch wagen. Wir müssen uns dabei immer bewusst sein: Je weiter wir die Aufgaben vor uns her schieben, umso schwieriger wird es dann, richtig zu reagieren.

Der Kern des Wandels, der uns zum neuen Aufbruch herausfordert, lässt sich in wenigen Worten beschreiben: Wir werden weniger, dafür aber vielfältiger und vor allem auch älter. Das Alter von Methusalem bleibt zwar auch in absehbarer Zeit unerreichbar. 

Laut erstem Buch Mose wurde er 969 Jahre alt. Aber immer mehr Menschen hierzulande kommen doch in den Genuss dessen, was wir ein gesegnetes Alter nennen. Deshalb will ich an dieser Stelle einfach sagen: Das ist ein Grund, erwartungsvoll in die Zukunft zu schauen. Denn mehr Lebenszeit ist ein unschätzbarer Gewinn. Viele Ältere, die körperlich und geistig fit sind, verstehen diesen Gewinn zu nutzen – für sich, aber auch für andere. Wir als Gesellschaft müssen es insgesamt verstehen, diese Chance zu nutzen.

Viele Ältere engagieren sich für die Familie, für soziale Projekte, sie bilden sich weiter, sie gehen noch einer Arbeit nach. Da finden ganz viele persönliche Aufbrüche statt. Das spiegelt sich in den verschiedensten Bereichen wider – ich will hier nur ein paar Stichworte nennen; wir können nachher noch darüber diskutieren: Mehrgenerationenhäuser, Nachbarschaftsnetze, altersgerechte Gestaltung von Arbeit. Das heißt, der demografische Wandel ist keine Zukunftsmusik mehr, er hat uns schon erreicht; wir beginnen auch, darauf zu reagieren.

Die Bundesregierung hat, gemeinsam mit vielen Ministerien und unter Führung des Innenministers, eine Demografie-Strategie entwickelt. Wir wollen mit ihr auf diesen komplexen Wandel reagieren. Wir wissen aber, dass wir als Bundesregierung das nicht allein können, sondern wir brauchen dazu auch die Kommunen, die Länder; wir brauchen vor allen Dingen die Bürgerinnen und Bürger, die Verbände, die Ehrenamtlichen und genauso natürlich die Kirchen.

Der Schlüssel liegt darin, jeden Einzelnen mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu sehen. Jedes Alter braucht etwas. Aber jedes Alter kann auch etwas. Jeder von Ihnen weiß, wovon ich rede. Einen Blick sowohl für die Nöte als auch für die Gaben jedes Einzelnen zu haben, entspricht dem christlichen Selbstverständnis. Hingabe an Gott ist immer auch Hingabe an die Menschen. Papst Benedikt XVI. unterstrich dies in besonderer Weise mit seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“.

Jeder Mensch muss auch unabhängig von seinem Alter die Chance haben, sich weiterzuentwickeln und sich in die Gesellschaft einzubringen. Das ist eine Konsequenz unseres christlichen Menschenbildes. Das ist auch die Voraussetzung, um Zusammenhalt und Wohlstand in unserem Land zu wahren und gestalten zu können. Da macht es überhaupt keinen Sinn, Interessen und Belange von Jung und Alt gegeneinander ausspielen zu wollen. Innerhalb von Familien kommt man ohnehin nicht auf diesen Gedanken. Familien umfassen der Definition nach schon immer Jüngere und Ältere. Deshalb bleiben sie auch der natürliche Ort, an dem Generationen Verantwortung füreinander übernehmen. Deshalb muss ein Nachdenken über den demografischen Wandel immer bei den Familien ansetzen.

Keine staatliche Stelle kann jemals ersetzen, was Familien aus sich heraus leisten. Deshalb verdienen Familien zweierlei: auf der einen Seite den Schutz des Staates, so wie das auch im Grundgesetz festgelegt ist, und andererseits Freiraum, nämlich zu entscheiden, wie sie leben wollen. Jede Familie soll selbst entscheiden, welches Lebensmodell ihr am nächsten liegt. Das ist die Wahlfreiheit, um die es in unserer Gesellschaft so viele Diskussionen gibt.

Meine Damen und Herren, deshalb ist das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie natürlich auch immer aus der Perspektive der Familie zu sehen. Die Berufswelt mag Erwartungen haben, aber das kann und darf nicht dazu führen, dass wir eine völlige Ökonomisierung des Familienlebens haben, sondern eine menschliche Gesellschaft muss auch ein Gespür für die Erwartungen der Familie haben. Deshalb ist in der Arbeitswelt noch mehr Respekt davor nötig, wenn Frauen und Männer Familienpflichten übernehmen.

Wir müssen uns auch immer wieder vor Augen führen, dass für Familien innerhalb kurzer Zeiträume vieles zusammenkommt: die Entscheidung für Kinder, die Chance, beruflich voranzukommen, und sehr häufig auch die Verantwortung für die ältere Generation. Diese hohe Dichte an Pflichten lässt sich entzerren – und zwar in allen Lebensphasen und über die gesamte Biografie hinweg. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Das bedeutet in vielen Bereichen des Arbeitslebens aber auch ein Stück Umdenken, um Zeit für Familien besser verteilen zu können. Wir müssen uns natürlich auch überlegen, wie wir Familien entlasten. Hierbei sind als Stichpunkte zum Beispiel haushaltsnahe Dienstleistungen und verschiedene Möglichkeiten des Zeitmanagements auch über verschiedene Lebensphasen hinaus zu nennen.

Natürlich können wir uns angesichts des sich verändernden Bevölkerungsaufbaus auch nicht vor der Frage drücken, dass wir mit Blick auf die Lebensarbeitszeit darauf reagieren müssen, dass die Menschen älter werden und dass es weniger Jüngere gibt. Deshalb haben wir uns politisch entschlossen – ich stehe auch dazu –, bis zum Jahr 2029 das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre zu erhöhen.

Aber, meine Damen und Herren, dazu gehört vor allen Dingen, dass wir auch eine Kultur des längeren Arbeitens entwickeln. Ältere in der Berufswelt sind über Jahrzehnte nicht entsprechend ihren Fähigkeiten behandelt worden. Dass der Faktor Erfahrung, Kenntnis, Routine gegenüber dem Faktor Schnelligkeit auch ein wichtiger Faktor ist, ist zumeist verkannt worden. Neuere Arbeitszeitmodelle zeigen, dass Ältere sehr wohl zu erheblichen Leistungen fähig sind. Am besten ist eine Gesellschaft sowieso immer dann vertreten, wenn sie eine richtige Mischung aus Erfahrung, Routine, Schnelligkeit, Jung und Alt hinbekommt. Das gilt für das Berufsleben genauso wie in anderen Bereichen.

Meine Damen und Herren, wir wissen auch, dass sich heute an das Erwerbsleben eine Lebensphase anschließt, in der Ältere auch und vielfach ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten – nicht per Gesetz verpflichtet, sondern freiwillig im Ehrenamt. Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, hier einfach einmal ganz herzlich danke zu sagen. 

Ich glaube, gerade auch in vielen Kirchengemeinden weiß man, wovon ich spreche, wenn ich sage: Danke denen, die sich jenseits ihrer Erwerbstätigkeit ehrenamtlich für unsere Gesellschaft einbringen. Wir brauchen sie dringend.

Aber, meine Damen und Herren, wir dürfen auch nicht die Tatsache, dass Menschen älter werden, dafür benutzen, die Schwächen des Alters aus der öffentlichen Diskussion auszugliedern. Alter ist auch verbunden mit Schwäche, mit Gebrechen. Deshalb ist auch die Frage des würdevollen Sterbens eine der großen Fragen, die in die Gesellschaft und nicht an den Rand der Gesellschaft gehören. Von Beginn des Lebens bis zum Ende des Lebens steht das Leben in Würde nicht zur Disposition. Das muss sich auch in unserem gesellschaftlichen Alltag widerspiegeln, meine Damen und Herren. Deshalb ist für mich die Würde des Menschen keine Frage des Alters, des Gesundheitszustandes oder der Leistungsfähigkeit. Sie ist stets zu achten. Sie ist nicht teilbar.

Deshalb möchte ich schließen mit einer Geschichte der Gebrüder Grimm, die vielleicht manchem von Ihnen bekannt ist. Es ist die Geschichte vom alten Großvater und seinem Enkel. Weil der alte Mann mit seinen zitternden Händen immer wieder Suppe verschüttet, verbannen ihn sein Sohn und dessen Frau vom Tisch. Sie setzen ihn in die Ecke hinter dem Ofen und geben ihm kaum mehr das Nötigste. Als ihm auch noch sein Suppenteller herunterfällt und zerbricht, drücken sie ihm eine Holzschüssel in die Hand. Da kommt der kleine Enkel ins Spiel. Er baut eines Tages einen kleinen hölzernen Trog. „Wozu?“, fragt der Vater. „Für euch, wenn ihr alt seid“, antwortet der kleine Junge. Das öffnet allen die Augen. Fortan sitzt der Großvater wieder am Tisch.

So stelle ich mir unsere Gesellschaft vor. – Herzlichen Dank.
  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen